Anekdoten aus dem
Schulleben (Hans-Joachim Wülfrath)
Wenn auch der Schulalltag geprägt ist von Arbeit, Lernen
und viel Ernsthaftigkeit, ein wenig Spaß, Schmunzeln und Heiterkeit
gibt es doch zu registrieren.
Hier eine kleine, keineswegs vollständige Auswahl:
Der Fluch der bösen
Tat
Ein hoffnungsvoller
Schüler der HRS - voll im Stress des Abschlussjahres - ist der
zweifelhafte Held unserer Geschichte, die zum Glück ein relativ
gutes Ende nahm.
Was war geschehen?
Der junge Mann plant
in der letzten Unterrichtsstunde bereits die Freuden des Nachmittags
voraus. Einen Freund will er besuchen, mal wieder nach Herzenslust
chillen. Das muss einfach mal wieder sein. Es klingelt.
Schulschluss.
Doch wie zum Kumpel
gelangen? Das eigene Rad defekt , das der Mama auch platt gefahren,
was tun? Da steht vor der Schule ein Damenfahrrad im Wege, nicht
verschlossen, nicht mehr ganz neu, keine Besitzerin in der Nähe. Das
muss eben mit ...
Gesagt, getan. Aber
herje, es muss ja noch der ganze Weg von Wiefelstede nach Metjendorf
überbrückt werden. Das ist für die Physis unseres Freizeitplaners
denn doch zu viel.
Da gibt es zum Glück
die Firma Imken – täglicher Servicebetrieb für die Fahrschüler der
Haupt- und Realschule – immer verständnisvoll und hilfsbereit.
Das Fahrrad wird in
den Bus bugsiert und gelangt so nach Metjendorf. Der Nachmittag ist
gerettet. Am Abend allerdings steht nicht nur der Drahtesel im
Keller, auch die Stimmung des Freizeitsportlers befindet sich in
demselben, meldet sich doch ein etwas flaues Gefühl von schlechtem
Gewissen.
Derweil ist in
Wiefelstede die rechtmäßige Besitzerin des Rades in Aufruhr, sucht
verzweifelt nach ihm, meldet schließlich den Diebstahl der Polizei.
Die ersten schulischen
Recherchen am nächsten Morgen erbringen schnell die Nachricht von
dem ungewöhnlichen Bustransport am Vortag. Der Schüler ist bekannt
und bereits an demselben Nachmittag erhält die Familie Besuch vom
Ortssheriff, der das Fahrrad sicherstellt. Die strafrechtliche
Angelegenheit wird ausführlich erläutert – die jugendliche Einsicht
in dieses einmalige Fehlverhalten und diese grenzenlose Dummheit
darf man getrost voraussetzen, das Entsetzen der Eltern sicher auch.
Was nun? Der junge
Mann entschuldigt sich tags darauf bei der Mitschülerin, hat manchen
deftigen Kommentar zu ertragen.
Und dann auch noch der
Gang zum Schulleiter: Der allerdings erweist sich als unerwartet
freundlich. Ein Fahrrad fehle ihm, das ließe sich beheben, ließ er
ihn wissen.
An zwei Nachmittagen
der Folgewoche werde der Schüler jeweils am kompletten Nachmittag
ein ausrangiertes Fahrrad des Bikershops wieder fahrfertig machen –
also keine Besuche bei Freunden, sondern Übung für zukünftige kleine
Fahrradprobleme – anschließend werde er dann drei Tage lang die
Strecke Metjendorf – Wiefelstede zum Erwerb der notwendigen
Kondition per Rad zurücklegen. Der reuige Drahteseldieb akzeptiert
gesenkten Hauptes die Maßnahme, hört sich sicher zum wiederholten
Mal an, was er sich selbst mit dieser Dummheit angetan hat und hofft
derweil inständig, dass es an diesen Fahrradtagen nicht allzu sehr
regnen möge ...
Das Schulleiter – Alphabet
Der Höhepunkt und Abschluss der Jahresarbeit ist erreicht. Die
Zensurenkonferenzen des Jahres 2008 sind weit fortgeschritten. Der
Schulleiter hat bereits ein knappes Dutzend absolviert und das Ende
eines langen Schultages naht. Gerade ruft die Kollegin den Namen
„Sylvester“ auf und die respektablen Noten des Schülers werden
gebührend gewürdigt. Unmittelbar darauf hebt der Schulleiter an zu
seinem obligatorischen Schlusswort und dem Dankeschön an die
Kollegin. Sie reagiert verdutzt:“ Es kommen doch noch 3 Namen …“
Er schaut etwas ratlos um sich und murmelt: „Sylvester ist
nicht der Letzte?“
2006:
„Füße auf dem Tisch“
In
allen Klassen und Jahrgängen weiß man um des Schulleiters Marotten:
Kaugummis im Unterricht oder gar das Schuhwerk müder Schüler auf Tisch
oder Stuhl – Voraussetzungen für ein entspanntes Lernen an den vielen,
vielen Schultagen – sind ihm ein Dorn im Auge. Letzteres Delikt aus
seiner Sicht führt ohne Vorwarnung zu einem mittäglichen
Arbeitseinsatz unter Anleitung einer Putzfrau.
Da
gibt es in mancher kurzen Pause eine kleine gymnastische Beinübung von
Entspannungs suchenden Schülern, wenn man den Schulleiter auf
Inspektionsgang nahen sieht.....
Nun gab es an einem frühen Novembermorgen folgende Begebenheit: Einem
Schüler der Klasse R7c stand eine arg ungemütliche Pause bevor: die
Mama hatte ihm am Morgen frische Muffets eingepackt, leider wegen
eines verdorbenen Ei unverdaulich. Das wollte der besorgte Papa seinem
Sohn noch wenige Minuten vor dem ersten ärgerlichen Frühstücksbiss
übermitteln – damit der nicht der Köchin auf Dauer gram sein würde.
Der Vater traute sich nicht die Klassentür zu öffnen, zumal dort ein
intensiver Unterricht mit englischen Anweisungen und entsprechenden
Schülerreaktionen abzulaufen schien.
Da
half der zufällig vorbei eilende Schulleiter. Er hörte kurz den
besorgten Vater an, schnappte sich den Hinweiszettel der besorgten
Mama und öffnete die Tür. Recht verdattert blieb er nach wenigen
Schritten stehen: Just in diesem Moment hoben nämlich auf die
Anweisung ihrer Englischlehrerin „Simon says:“ Put your feet on your
desks.““ 28 Schülerinnen und Schüler brav ihren rechten Fuß und
platzierten ihn auf dem Schülertisch. Große Augen auf Seiten der
Schüler, alles blickt hilfesuchend auf die Lehrerin die ja die
Schuldige sei....
Der Schulleiter ging auf die ersten Schüler zu: „ Putzen, putzen,
putzen....:“ dann konnte er genau wie die Lehrerin sein Lachen nicht
zurückhalten und man klärt diesen absolut einmaligen Vorfall, der dann
ohne eine Ahndung blieb.
Fazit: Lerne nur fleißig Englisch, dann kannst du auch schon mal unter
den gestrengen Augen des Schulleiters Gnade finde.....
1985: Die rechte moralische Erbauung
Die Sache des
Religionsunterrichts zu vertreten ist nicht immer ein freudvolles
Geschäft. Weder bei Schülern und Eltern noch bei den Kollegen findet
sich in ausreichendem Maße die tief wurzelnde Überzeugung, dass dieser
Unterricht vonnöten und gewinnbringend sei. Was nimmt es da Wunder,
dass der geplagte Religionslehrer in den wenigen verbleibenden
Unterrichtsstunden bis zu den Ferien die Schüler ein wenig unterhalten
möchte. Ein Spielfilm mit einer lebensnahen, moralisch einwandfreien
Erzählung muss her, soll er doch den Schülern die nötige
Vorbildfunktion bieten, an der sich trefflich diskutieren läßt. Wenn
dann auch noch Gottvater am Werke ist, steht einer unterrichtlichen
Behandlung wohl nichts mehr im Wege. Also wurde der vielversprechende
Filmtitel „Die rechte Faust Gottes“ geordert.
Der Schulassistent
Dieter Lüdken nahm die Kopie entgegen und schaute sich zwecks
technischer Überprüfung einige Sequenzen des Films an.
Kurze Zeit danach nahm
er den verdutzten Lehrer beiseite und gab ihm einen Tipp, der in der
Folge zu einem geflügelten Wort vor allem in kirchlichen Kreisen
wurde:
„Weißt du, nicht überall
wo der liebe Gott drauf steht, ist er auch drin....“
Bud Spencer und Terence
Hill, zwei legendäre Haudegen und Faustkämpfer, agierten in diesem
Filmstreifen als Westerhelden....
1996: Eine brave
Zehnte
Es sind nur noch wenige
Tage bis Weihnachten. Am vorletzten Schultag hat der Schulleiter der
Klasse R10a kurz vor dem Klingelzeichen zum Unterrichtsschluss eine
wichtige organisatorische Mitteilung zu machen. Die Klasse R 10a hat
Religionsunterricht bei ihrem Klassenlehrer, Herrn Lübben. Der
Schulleiter verhält kurz vor der Klassentür. Es ist alles ruhig im
Raum. Ist niemand da? Er öffnet leise die Tür. Niemand scheint ihn zu
bemerken, denn zweiundzwanzig Augenpaare blicken gespannt nach vorn.
Dort sitzt hinter seinem Lehrertisch Herr Lübben, hat vor sich die
Krippenfigur eines der drei heiligen Könige und erzählt mit leiser
Stimme die Legende vom 4. König auf dem Weg zum Jesuskind.
Der Schulleiter räuspert
sich und bittet, stören zu dürfen.
Am Tag darauf fragt er
einen der Schüler nach dem Geheimnis einer solchen
Unterrichtskonzentration, ist er doch selber immer noch auf der Suche
nach einer solchen Arbeitssituation und hätte diese Geschichte eher in
einer Grundschulklasse erwartet. Die Schülerantwort: „Bei Herrn Lübben
kann man nicht anders, da musst du zuhören.“
So einfach ist die
Pädagogik.
1998: Der eifrige
Skiurlauber
Ein
Schüler, der aus Südostasien zu uns nach Wiefelstede kam, entdeckte
hier die Liebe zu den Bergen und dem Schnee...
Als
Schüler der 9. Hauptschulklasse fuhr er mit seinem Klassenlehrer Peter
Dauelsberg im Februar 1998 für zwei Wochen nach Radfeld/Österreich zu
einem Skilehrgang. Es gefiel Sadekul ausgesprochen gut. Wenn es auch
mit der Orientierung noch nicht so recht klappte, auf den Pisten war
er ein gefürchteter Abfahrer.
Die
Betreuer waren jedenfalls heilfroh, ihn gesund und ohne Blessuren nach
Hause gebracht zu haben. Sadekul hingegen war traurig, dass diese
wunderschönen Tage nun vorüber waren.
Zwei Wochen später fuhren die beiden 10. Realschulklassen nach
Radfeld.
Am
Abfahrtstag, einem Montagmorgen, steht Sadekul kurz nach 7.00 Uhr
gestiefelt und gespornt, d. h. in seinem funkelnagelneuen Skianzug mit
Koffer und Reisetasche vor dem Konrektorzimmer.
Frage des Schulleiters: „Was hast du denn vor?“
Sadekul: „Habe Papa gesagt, muss skilaufen. Papa hat Koffer gepackt
...“
2001: Ein
nachdenklich stimmendes Entschuldigungsschreiben
Die Klassenlehrer können
ein Lied davon singen, wie problematisch die Angelegenheit mit den
Entschuldigungsschreiben bei Schülererkrankungen ist. Erst gelangen
sie gar nicht zum Adressaten, dann wiederum sind sie auch schon einmal
sehr nachlässig geschrieben, oder aber sie enthalten überraschende
Begründungen. Nicht ganz selten ist auch der Fall, dass der
betreffende Lehrer nicht nur den Schüler gern häufiger in seiner
Deutschstunde sähe ....
In dem vorliegenden Fall
nun war alles anders. Ein immerhin aus seiner Sicht schon fast
erwachsener Schüler - besuchte er doch die 9. Klasse der Realschule -
nahm die Sache der Entschuldigung selbst in die Hand und ließ nur die
Mama unterschreiben.
Und so las der
Klassenlehrer dann:
„Hiermit bitte ich mein
Fehlen zu entschuldigen. Ich hatte eine Magen- und Dameninfektion.“
Wie, was - der
Klassenlehrer reagierte verdattert. Sollte der Deutschunterricht so
wenig Früchte tragen? Nein, das konnte nicht sein!
Dann wäre vielleicht
doch der immer wieder ertönende Ruf, nach der segensreichen Arbeit
einer Frauenbeauftragten in Wiefelstede müsse nun das männliche
Pendant gefunden werden, nicht ganz aus der Luft gegriffen?
Der Lehrer betrachtete
noch lange grübelnd dieses bemerkenswerte Dokument...
2001:
Die hüllenlose Küchenfee
Der Schulleiter plante,
anlässlich seines Geburtstages das Kollegium und seine Klasse mit
einigen Stücken Kuchen zu verwöhnen.
Wegen der Vielzahl der
zu stopfenden Mäuler beabsichtigte er, an einem stillen Sonntagmorgen
diese Fleißarbeit in der ruhigen Schulküche zu erledigen. Gesagt,
getan: Versehen mit den notwendigen Utensilien für sechs Blechkuchen
begab er sich zur Alten Schule. Den Karton mit Mehl, Eiern und anderen
guten Zutaten vor sich tragend, öffnete er die erste Tür. Merkwürdig,
sie war offen. Jedoch im Gebäude hörte man kein noch so leises
Geräusch.
Er öffnete die Küchentür
und blieb wie erstarrt stehen: vor ihm saß auf einer Stuhllehne im
hellen Neonlicht des Raumes ein wunderschönes junges Mädchen, anmutig
die Körperhaltung, rosig die Haut, was gut zu erkennen war, denn sie
war splitterfasernackt.
Hinter ihr, das
entdeckte der reichlich verdatterte Hausherr beim dritten oder vierten
Blick, saß eine Gruppe ärgerlich aufblickender Künstler, die vor sich
ihren Malblock hielten und in einer Aktzeichnung gestört wurden.
Kurzes Palaver und der
verhinderte Hobbykoch trat schnell den Rückzug an.
Böswillige Zungen
behaupten, man habe den Schulleiter an den folgenden Sonntagen immer
wieder mal in der Nähe der „Alten Schule“ gesehen..... |